Alle Jahre wieder zieht sich der Winter und der Frühling wird heiß ersehnt. Obwohl ich genau weiß, dass mit den Blüten die Pollen kommen und die Allergie mich schwächen, sehne ich von ganzem Herzen das Frühjahr herbei.
Jedes einzelne Schneeglöckchen wird freudig begrüßt und alle Vorgärtern werden noch Krokussen und Frühblühern abgesucht. Bald, bald wird es Frühling sein, rufen sie mir zu. Wenn dann die ersten warmen Tage kommen und sich die Bäume und Sträucher gegenseitig in ihrem Blütenreigen übertreffen, bin ich jedesmal aufs Neue verwundert, wie stark diese Jahreszeit auf mein Gemüt wirkt. Wie sehr sie tröstet und Hoffnung verspricht. Selbst wenn die Eiswinde wieder zurückkommen, sie schaffen es nicht, dass der Winter wieder die Kontrolle übernimmt. Der Frühling hat seine Nase um die Ecke gestreckt und er lauert schon.
Wirf deine Angst in die Luft.
Bald ist deine Zeit um, bald wächst der Himmel unter dem Gras, fallen deine Träume ins Nirgends.
Noch duftet die Nelke, singt die Drossel noch, darfst du lieben, Worte verschenken – noch bist du da.
Sei was du bist. Gib was du hast.
(von Rose Ausländer)
Im psychischen und mentalen Bereich ist Vermeidung mittel- oder langfristig keine gesunde Strategie. Das lernte ich, als ich durch meine tiefen Täler schritt und war stolz darauf, dass meine Gesesungsstrategie fast ohne Vermeidung auskam. Beharrlich und hartnäckig immer wieder aus dem nächsten tiefen Tal hochkrabbeln, war da meine Devise. Beim Schreiben hier in der Sammelmappe ist das anders. Da ist Vermeidung meine Hauptstrategie. Früher vermied ich es konkret über die Arbeit und mein Berufsleben zu schreiben. Über andere Menschen zu schreiben. Heute vermeide ich es aktuelle Themen anzusprechen. Themen aus der Tagespolitik. Alles was polarisieren könnte.
Ich schreibe um meine Aufgeregtheit herum. Ich taste vorsichtig die noch verbleibenden Räume ab. Es sind nicht mehr viele. Erkunde verborgene Ecken und hole alte Erinnerungen vor. Ich vermeide alles, was mein Blut in Wallung bringt und das ist eine ganze Menge. Die Welt und ich – wir sind schon lange nicht mehr im Gleichgewicht. Also wende ich mich ab und konzentriere mich auf die schönen Dinge, die verbleiben. Die Natur und die Poesie. Das Licht und die Träume.
In diesem Fall trägt die Vermeidung dazu bei, dass ich einen Ausgleich finde. Dass ich ein winziges, kleines Plätzchen heile Welt mir gestalte. Heile Sammelmappen-Welt. Wie sollte ich es sonst hier aushalten?
Auf meiner emotionalen Landkarte sind viele kleine Dörfer eingezeichnet. Verbunden durch eine Straßenbahnlinie, die mich durch meine Kindheit fährt. Feldwege tauchen auf. Einbahnstraßen. Ein großer Fußballplatz, ein Reitplatz, ein Bach.
Hinter den Feldern liegt ein Wald. Er lässt sich durchstreifen, er gibt Material her – für Pfeil und Bogen, für den Ehrgeiz von Kindern. Höher, schneller, weiter. Erst später kam die Erkenntnis: Aus Spielzeug kann eine Waffe werden.
Mit der Pubertät begann das Spiel mit dem Feuer. In unserem Fall ganz wörtlich. Tag um Tag entfachten wir unsere Feuer. Kleine und große. Als Lagerstätte. Als Flächenbrand.
Mit jedem Lebensjahr dehnte sich die Karte aus. Kinos kamen hinzu, Eisdielen, Pommesbuden. Mofas knatterten in alle Richtungen. Auf vertrauten Wegen, aber auch abseits von allen eingezeichneten.
Irgendwann reichte mir die Ansicht der Karte nicht mehr. Es war Zeit, eine weitere Faltung aufzuklappen. Und plötzlich lag sie vor mir: die Welt. Erst nur als Sehnsuchtsort.
Dann als mein Leben.
auf das Frühjahr
wird immer gewartet
weil es die Illusion
mit sich bringt
dass sich jemals
etwas ändern könnte
claudia März 22nd,2026
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Mich zu Wort melden ist keine Selbstverständlichkeit für mich. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum es diese Sammelmappe gibt. Weil sie zaghaft beschrieben werden kann. Weil sie immer wieder aus dem Dornröschenschlaf erweckt werden kann. Weil ich in ihr zarte Spuren hinterlassen darf. Weil ich immer wieder zu ihr zurückkommen vermag. Weil hier auch die leisen Töne zählen.
In all den Jahren saß ich so oft vor ihr und hab mit mir selbst gerungen. Hab gemerkt, wie wichtig mir die Worte sind und wie groß die Sprachlosigkeit. Da gab es Hindernisse, die sich in meinem Herzen auftürmten. Groß und schwer. Hoch und bedrohlich. Manchmal dauerte es tagelang bis ich den nötigen Anlauf fand, sie weiter zu beschreiben.
Ich bin noch hier. Zaghaft und in meinem Kummer gehüllt. Drücke behutsam mein Sorgenkästchen. Bin hier und melde mich zu Wort.
claudia März 21st,2026
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Bin noch schnell einen Umweg gelaufen, um den blühenden Frühling zu dokumentieren, damit er nicht ganz ohne mich stattfindet. Ansonsten stecke ich fest in meinem Sorgenkarussell Pflegeorganisation.
Die Gedanken kreisen, die Sorgen kreisen, das Leben kreist, die Seele auch.
In einer Welt voller Krisen trage ich mein kleines Sorgenpäckchen mit mir herum.
Wie es den Menschen im Iran geht und was der Iran für ein Land ist, dazu gibt es bei den Krautreportern einen Artikel in dem viele Fragen dazu beantwortet werden. Hier mein Geschenklink dazu für euch.
Heute ist Pi-Day. Meine gestrige Telefonliste schlägt alle Rekorde. Die heutigen Telefonate dienen der Vergewisserung, dass es trotzdem irgendwie weitergeht. Sich durch den Nebel arbeiten. Das bedeutet die Organisation von Pflege auch. Sich durch die wilden Nebelschwaden schlagen. Sich zwischendurch vergewissen, dass es richtig ist. Sich gegenseitig Mut zusprechen. Niemand weiß wie das geht, was wir gerade organisieren. Pflege kommt in so vielen Varianten daher. Jede anders. Immer gibt es was zum knabbern und zum Verarbeiten. Alles wird anders als gedacht.
Ich brauche jetzt Ruhe. Tiefe, tiefe Ruhe. Bin seltsam empfindlich.
Morgen geht es weiter. Wann wir über dem Berg sind, wissen wir nicht.
Hoffnung nicht verlieren. Nie die Hoffnung verlieren.
Das Sorgenpäckchen Pflege fliegt mir heute um die Ohren. Freitag, der Dreizehnte. Ausgerechnet an diesem Tag scheint die Welt sich gegen mich zu verschwören. Denkzettel werden verteilt, Erpressung liegt in der Luft, und Vorschriften werfen Schatten.
Ruhig bleiben ist schwer, wenn alles um mich vibriert. Diese Nöte sind nicht allein meine; sie teilen sich mit vielen, die in Unsicherheit leben. Auf wie viele Arten kann man allein gelassen werden?
Um abzuschalten, wage ich den Schritt in die Bürokratie. Doch wo ich beginne, wartet ein neuer Antrag, der mein Geduldsspiel verlängert. Beharrlichkeit ist mein geheimer Name, und in diesen Tagen kommt sie mir oft zugute.
Der Weg ist ein ständiger Kampf, doch tief in mir bleibt die Hoffnung, dass Licht durch die Dunkelheit bricht. Vielleicht ist es genau diese Hoffnung, die uns antreibt, trotz aller Widrigkeiten weiterzumachen. In der Stille der Nacht finde ich einen Moment des Friedens, der mich stärkt, um erneut der Welle der Sorgen zu begegnen.
claudia März 13th,2026
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Den Urlaubstag beginnen und das Sorgenpäckchen umzupacken. Allzeit bereit. Die Dinge fügen sich, eins in andere. Besser als zu Beginn des Tages gedacht. Pflege organisieren im laufenden Betrieb. Im Flow bleiben und den Optimismus nicht verlieren. Belohnt werden durch die Erleichterung, die durchs Telefon hörbar ist. Das eigene Zuhause bringt Sicherheit und Stabilität.