Vor ein paar Tagen bin ich in ein Leseloch gefallen und habe mich durch tausende Seiten gelesen. Da waren die unterschiedlichsten Bücher dabei. Es hat mir gut getan, mich durch die unterschiedlichsten Themen durchzulesen. Briefwechsel und Tagebücher. Sachbücher und Poesie. Romane und Geschichten. Wie es gerade kam.
Im Moment sind meine Hauptaktivitäten Lesen und schlafen. Allergiebedingt bin ich ziemlich eingeschränkt in meinen Möglichkeiten, aber solange Lesen klappt, gibt es darüber keine Klagen. Manchmal habe ich einen kurzen Blick raus aus meinem Leseloch gewagt und bin gleich wieder zurückgezuckt. Was für eine verrückte Welt. Ich tue mich schwer mit ihr. Gleichzeitig weiß ich: sie war nie anders. Früher nicht, woanders nicht.
Der amerikanische Präsident legt sich mit dem Papst an. Das könnte fast lustig sein, wenn es nicht so brenzlig wäre. Die Straße von Hormus wird jetzt blockiert geblockt. Oder wie wollen wir das nun nennen?
Der Lichtblick des Tages waren die Wahlergebnisse aus Ungarn. Dort haben sich die Menschen ihre Demokratie wieder zurückgeholt. Aber nicht nur durch die Wahlen, sondern vorallem durch ihre Beharrlichkeit. Das ist ein gutes Gefühl. Es geht also doch nicht immer nur in die eine Richtung.
Ich verkrieche mich jetzt wieder in meine Lesehöhle. Habt Spaß und passt gut auf euch auf!
Sanft verschwindet eine Sorge. Nimmt Last von meinen Schultern. Aufatmen. Die verbleibenden persönlichen Sorgen sind auszuhalten. Die umfassenden Weltsorgen hinterließ ich schon vor einer Weile am Wegesrand. Zu viel Explosionsgefahr. Ob ich sie mit mir trage oder nicht, ändert nichts in dieser Welt. Leben heißt sich Sorgen. Aber eine Sorge weniger, heißt heute für mich, dass die Welt etwas bunter und munterer ausfällt. Sie klingt sanft und duftet gut. Verspricht etwas Leichtes, etwas Lockeres. Eine Sorge weniger macht heute den Unterschied aus. Nicht mehr niedergedrückt, sondern gut gelaunt.
Das Licht
zerstreut die wilden Träume
wie Samen im Wind
sie werden sich
wieder finden
an einem geheimen Ort
unvergessen
Einundzwanzig Jahre Sammelmappe. Kein Grund zum Feiern, aber zum Nachdenken und Wertschätzen. Die Sammelmappe hat mich durch gute und schwere Zeiten getragen. Ich habe mich mit ihrer Unterstützung durch Höhen und Tiefen geschrieben. Große Dankbarkeit für diese Möglichkeit. Für dieses Entdecken. Genauso große Dankbarkeit für all die Menschen, die ich über und durch die Sammelmappe kennenlernte.
Obwohl ich in letzter Zeit spürte, dass ich ein wenig mit ihr zu fremdeln begann, nimmt ihre Bedeutung in meinem Leben nicht ab. Sie bleibt mein Ausgangspunkt im Netz. In der Zwischenzeit gibt es viele Spielplätze, an denen man sich tummeln kann. Noch immer habe ich meine Freude daran, wie viel ich im Internet über mich und die Welt lernen kann. Es gibt auch noch Orte, an denen es sanft oder heiter zugeht. Oasen der Ruhe. Genau mein Ding.
Immer noch allergiegeschwächt, aber bald sind die Birken durch, das gibt Hoffnung auf besseres Atmen. Heute ein Bilderbuch-Frühlingstag. Stimmungshebend solange nicht aus Versehen Nachrichten die Bewusstseinsgrenze überwinden. Morgens stehe ich auf dem Crosstrainer im Sportcenter und sehe Bruchteile von Meldungen, die auf den Bildschirmen eingeblendet werden. Die meisten kann ich nicht lesen, aber ab und an reime ich mir Sätze zusammen. Ich bin nicht neugierig genug, um zu überprüfen, ob ich mit meinen Vermutungen richtig liege. Hatschi. Das Leben geht weiter. Das Warten auf der kleinen Lebensbühne geht weiter, auch wenn die große Weltbühne ihre Szenen spielt. Kein Mucks vom Medizinischen Dienst. Stille. Kein Weiterkommen auf dieser Ebene. Geduld ist gefragt.
Allergiegeplagt lebe ich in seltsamen Schwebezuständen.
Wie auf einem anderen Stern, in einer anderen Welt. In einem anderen Körper, mit einem anderen Kopf.
So lange, bis ich wieder auftauche – aus dem Traumzustand zurück zur eigenen Seele.
Aufwachen und Ankommen. Das wird noch etwas dauern.
Mein Tag war voller Anstrengung, Sorgen und einem Gefühl der Nähe. Mich Kümmern kostet Kraft.
Die Sprache der Lyrik übersetzt es in stark.
„Ich trage dich / in meinen Augen / damit du / nicht verloren gehst“
Rose Ausländer
Tragen und sorgen. Es sind diese kostbaren Tage, die gerade noch so möglich sind. Ich wachse über mich hinaus. Wann wenn nicht jetzt?
Wie oft in deinem Leben standest du vor einer Schwelle und zögertst, sie zu überschreiten? Wie viele Male hast du eine Schwelle übertreten, ohne es zu bemerken?
Es gibt die leisen Übergänge, die wir erst im Rückblick erkennen. Es gibt andere, vor denen wir gebannt stehen bleiben, zögern und nicht weiterwissen. Die Angst, die Unsicherheit oder der Respekt halten uns davon ab, weiterzugehen. Wir erstarren in Ehrfurcht und treten nie ein. Dann sind da noch die lauten, rumpeligen Schwellen. Bei denen wir uns erschrecken und wir befürchten, dass sie gleich unter uns hinwegkracht. Dass das Fundament ins Wanken gerät und bald alles über uns hereinstürzt.
„Ich setzte den Fuss in die Luft, und sie trägt.“ schrieb Hilde Domin und ich wünschte mir, ich hätte ihr Vertrauen. Dieses tiefe Vertrauen, dass es weitergeht.
„Noch ist es Zeit“, flüstert mir die Dichterin ins Ohr. Noch bleibt mir Lebenszeit, um über einige Schwellen zu treten. Ich muss nicht mehr jede nehmen.
Das ist mein Luxus, den ich jetzt habe.
Alle Jahre wieder zieht sich der Winter und der Frühling wird heiß ersehnt. Obwohl ich genau weiß, dass mit den Blüten die Pollen kommen und die Allergie mich schwächen, sehne ich von ganzem Herzen das Frühjahr herbei.
Jedes einzelne Schneeglöckchen wird freudig begrüßt und alle Vorgärtern werden noch Krokussen und Frühblühern abgesucht. Bald, bald wird es Frühling sein, rufen sie mir zu. Wenn dann die ersten warmen Tage kommen und sich die Bäume und Sträucher gegenseitig in ihrem Blütenreigen übertreffen, bin ich jedesmal aufs Neue verwundert, wie stark diese Jahreszeit auf mein Gemüt wirkt. Wie sehr sie tröstet und Hoffnung verspricht. Selbst wenn die Eiswinde wieder zurückkommen, sie schaffen es nicht, dass der Winter wieder die Kontrolle übernimmt. Der Frühling hat seine Nase um die Ecke gestreckt und er lauert schon.
Wirf deine Angst in die Luft.
Bald ist deine Zeit um, bald wächst der Himmel unter dem Gras, fallen deine Träume ins Nirgends.
Noch duftet die Nelke, singt die Drossel noch, darfst du lieben, Worte verschenken – noch bist du da.
Sei was du bist. Gib was du hast.
(von Rose Ausländer)