Journal20260520

Die Schnaken fressen mich. Sie überfallen mich und laben sich an meinem Blut. Keine Ahnung, wo sie in diesem Mai so zahlreich herkommen. Mein Körper wehrt sich heftig, was zu Kollateralschäden führt. Das kenne ich aus anderen Zusammenhängen schon von ihm. Ansonsten vergehen die Tage ruhig, ohne Daueralarmierung. Es dauerte eine ganze Weile, bis Körper und Seele dies nicht wieder als Ruhe vor dem Sturm deuteten und diese gespannte Wachsamkeit, beiseite legten. So schnell geht das bei mir mit dem Umschalten nicht. Manchmal beobachte ich andere Menschen und bewundere sie für ihre Leichtigkeit. Oder Ihre Beweglichkeit. Für ihr Anpassungsvermögen. Bei mir geht alles immer nur langsam und schwerfällig. Beharrlich. Wie immer im Leben bringt das Vor- und Nachteile mit sich. Es gibt nie nur die eine Seite der Medaille, aber trotzdem blinkt die eine Seite, die ich nicht haben kann, manchmal mehr als meine.

Draußen regnet es gerade. Der Mai macht gerade alles grün. Alles wächst und gedeiht draußen und ich finde eine Gedicht von mir, das fast 20 Jahre alt ist. Ich schenke es euch heute für einen Augenblick.

der Mai weint
nicht über mich
denn ich
gebe ihm keinen Grund
zum Weinen
ich weine mit
dem Mai

Mein Kraftwerk

Mein Projekt Balkonkraftwerk ist gerade im vollem Gang. Obwohl mein Balkon solartechnisch nicht die günstigsten Voraussetzungen bietet und meine Stromrechnung minimalistisch niedrig ist, wünschte ich mir schon lange ein Balkonkraftwerk. Einfach aus Prinzip. Weil es wichtig ist. Weil Energie heutzutage ein politisches Statement ist. Auch weil der Erwerb des Wissens zur Technik Spaß macht. Aber die ganze Zeit kam immer irgendetwas dazwischen. Bis ich endlich die Entscheidung traf: ab diesem Sommer nur noch mit Balkonkraftwerk.

Ich entschied mich für ein Modell mit flexiblen Solarmodulen, denn mein Balkongeländer lässt keine Außenhängung zu. Als Mieterin muss ich außerdem extrem vorsichtig sein, dass ich keine Schäden durch die Aufhängung verursache. Die Realisierung des Projekts wird nicht die optimale Leistung herausholen, denn ich möchte meinen Balkon ja trotzdem noch für andere Zwecke benutzen. Im Moment liegt ein Berg von Kabelsalat auf meinem Balkon und wir haben ständig neue Ideen, wie wir alles ausrichten und befestigen. In der App läuft das Kraftwerk schon und der Strom tröpfelt langsam dahin. Die Tage sind regnerisch und bewölkt. Trotzdem zählt der Zähler leise hoch.

Jetzt muss das Balkonkraftwerk noch angemeldet werden und irgendwann werden wir die Position installieren, die uns am Besten zusagt.

Umgeben

Vom Vermissen und dem Durchs-Leben-Stolpern. Kopf hoch und Krönchen richten. Im Traum für die Seligkeit geübt. Nie Verzargen.

Dem Schicksal die kalte Schulter zeigen und das Hoffnung nennen. Niemals ist damit jemand durchgekommen. Langsam rückwärts zählen. Bei 100 beginnen. Nur die ungeraden Zahlen. Oder was ganz anderes ausprobieren. Verwunderung über die Ernsthaftigkeit, die in diesen Vorschlägen liegt.

Bin umgeben von Lyrik und Poesie. Ein Nest aus Büchern und ein Kopf voller Worte, die sich finden und wieder voneinander lösen.

In jenen Jahren

In jenen Jahren
war die Zeit gefroren:
Eis so weit die Seele reichte

Von den Dächern
hingen Dolche
Die Stadt war aus
gefrorenem Glas
Menschen schleppten
Säcke voll Schnee
zu frostigen Scheiterhaufen

Rose Ausländer

Dein Schweigen

Hab mir ein Buch von Marie Luise Kaschnitz aus der Bücherei geholt. Nicht das, was gerade bei „Frankfurt liest ein Buch“ gelesen wird, denn das ist selbstverständlich überall ausgeliehen. Das lese ich später.

Als ihr Mann verstarb, schrieb sie ein intensives Gedicht, in dem ihr Schmerz zu erkennen ist.

Dein Schweigen
Meine Stimme
Dein Ruhen
Mein Gehen
Dein Allesvorüber
Mein Immernoch da.

Ich kenne leider nicht viele Texte von ihr. „Das dicke Kind“ ist mir aus der Schulzeit in Erinnerung. Aber in den letzten Wochen stieß ich immer wieder auf ihren Namen, dachte mir das muss ein Zeichen sein. Will mehr über und von ihr erfahren.

Journal20260503

Die Tage vergehen im Glück. In der Zufriedenheit. Mit dem Staunen über das schreiende Grün vor dem Fenster, der explodierenden Natur, der Blüten, die vom Himmel rieseln. „Das sind die Wochen im Jahr, die ich am meisten liebe.“ Warum flüstere ich? Immer aufs Neue überwältigt von der Kraft der Natur und ihrer Anstrengung der Auferstehung. Wer könnte da nicht an die Möglichkeit einer Wiedergeburt glauben? Strozend in ihrer Potenz lebt sie uns vor, was sie alles kann.

Journal20260429

Ankommen und wieder in den Alltag finden. Was für ein Privileg es doch ist, einen Alltag leben zu können. Immer wenn ich von einer Reise zurückkomme, empfinde ich das besonders. Aus mir würde nie eine Weltreisende werden. Auch keine Normadin. Dazu komme ich viel zu gerne Nachhause zurück. Ich bin gerührt, wenn ich meinen Haustürschlüssel wieder in mein Schloss stecke und denke jedesmal, dass es ein so eine seltsame Erfindung ist. Ein Schloss, das nur auf den einen Schlüssel reagiert. Das geduldig darauf wartet, wieder aufgesperrt zu werden. Und dann der erste Schritt in die Wohnung. Alles so vertraut, alles an seinem Ort. Alles gehört mir. Ich gehe hinein in mein Leben und finde Stunde um Stunde in meinen Alltag zurück. Bis alles wieder zu mir gehört. Bis der Alltag wieder tief in meiner Seele sitzt. Was für ein Glück!

Macht Werbung uns unglücklich?

Bei den Krautreportern gibt es einen lesenswerten Artikel zum Zusammenhang zwischen Werbung und Wohlbefinden. Hier kommt ein Geschenklink für euch.

Werbung beeinflusst nicht nur unser Kaufverhalten, sondern auch unsere Gefühle. Und sie greift in das ein, was zwischen Menschen passiert.

Süß

„Schau lange auf das, was dir gefällt und noch länger auf das, was dich schmerzt.“ Colette

Schaufenster mit orientalischen

Ich bin umgeben von Süßigkeiten. Ein süßes Paradies. Manchmal reicht es schon aus, all die Pracht zu sehen. Diese Überfülle. Zu wissen, dass alles greifbar ist. Was für ein tolles Leben wir im Moment doch führen. So viele Möglichkeiten. So viel Glück.

Aufgehoben

Claudia im Gegenlicht mit roter Schirmmütze.

„Aufgehoben im Licht,
gewiegt im Licht.“
Marie Luise Kaschnitz

Gut aufgehoben. Hier am Ort und in meinem Leben. Ich schrieb es gestern schon und heute fühlt es sich genauso an. Wie glücklich kann ein Mensch sein? Alle Sorgen sind für den Moment fein säuberlich zusammengelegt und beiseite gepackt. Die Sonne wärmt mein Leben durch. Ich blättere in meinen Erinnerungen. Bin ganz da. Alles ist gut, wie es ist. Nichts muss besser werden.


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