„Eine Freundschaft zu halten ist ungefähr das Schwerste, was es auf der Welt gibt, sie bedarf einer sorgfältigen Pflege, sonst verblasst allmählich aller Glanz, alle Wärme vergeht, und was bleibt, ist Erinnerung. Im besten Fall. Selbst die kann verblassen.“
Ich habe auch gelebt – Briefe einer Freundschaft
Astrid Lindgren – Louise Hartung
Zum Einschlafen den Briefwechsel zweier Frauen im Ohr. Mit das Beste, das es gibt, um der Welt am nächsten Tag wieder mit Energie die Stirn bieten zu können. Als Kraftresource sind Freundschaften unterschätzt. Um so wichtiger ist es, sie zu pflegen. Das gilt auch für Schwesterschaften.
Im „Hier und Jetzt“ zu leben wird überschätzt. Eindeutig. So verlockend sich dieser Vorschlag anhört, er eignet sich vor allem für den Sprüchekalender, den Notfalleinsatzplan und die Meditationsstunde zwischen Tür und Angel.
Wer ausschließlich im „Hier und Jetzt“ lebt, verpasst etwas. Stehen uns nicht tausend Traum- und Fantasiewelten offen? Ist es nicht ein leiser Luxus, sich ab und zu in Erinnerungen zu verlieren, ihnen nachzuspüren wie alten Wegen? Sich Traumschlösser zu bauen, sie mit Hingabe wieder abzureißen und aus dem gleichen Material neue zu errichten? Macht es nicht gerade deshalb so viel Freude, sich in der Literatur, im Museum oder im Konzert zeitweilig zu verlieren, um verändert zurückzukehren? Für einen Moment jemand anderes zu sein, oder mehr man selbst?
So viele Welten.
So viele Wirklichkeiten.
So viele Träume.
Und vielleicht besteht die Kunst nicht darin, immer im „Hier und Jetzt“ zu verharren, sondern darin, beweglich zu bleiben: verwurzelt und fließend zugleich.
Der Himmel trägt winterblau. Die Luft ist klar und frostig. Januartage wie aus dem Bilderbuch. Im Morgengrauen laufe ich los zum Training. Rund um die Uhr finden sich im Sportcenter Menschen ein, um sich auf die seltsamsten Arten und Weisen zu bewegen. Wenn ich auf dem Crosstrainer stehe und mich im Studio umsehe, kommt mir der Gedanke: Was wäre, wenn eine spätere Generation in 1000 Jahren die Überreste von Fitnessstudios ausgraben würde? Ob sie die Geräte wohl für Kultgegenstände halten würden? So viele, an so vielen Orten in der Stadt. Was sie sich da wohl für Gedanken machen würden?
Wir machen uns ja immer Gedanken, über das was war und das was kommt. Allerdings sind wir erstaunlich unflexibel darin, immer gehen wir von dem aus, was wir kennen und mögen und bleiben da gerne.
Der Tag steht niedrig und kalt über den Gärten. Ich sehe ihn mehr, als dass ich ihn betrete. Zwischen dem noch harten Boden die ersten Schneeglöckchen – als hätten sie sich verabredet, heute aufzutauchen, unauffällig, aber entschlossen. Daneben die Triebe der Krokusse, grüne Fragezeichen im Frost. Sie drängen nicht. Sie wissen offenbar, dass Zeit auf ihrer Seite ist. Ich selbst bin verschnupft. Der Atem kratzt, der Kopf ist wattig, alles klingt gedämpft, als läge ein Tuch über der Welt. Vielleicht macht gerade das die Zeichen deutlicher. Die Sonne kommt nur in kurzen Sätzen. Ein Aufhellen, ein Blinken auf den kahlen Zweigen, dann zieht sie sich wieder zurück, als müsse sie prüfen, ob man ihr traut. Heute einen medizinischen Abschluss gefunden. Kein Paukenschlag. Eher ein leises Abstellen ein Satz, der nicht mehr wiederholt werden muss. Der Körper merkt es früher als der Kopf: ein kleines Nachlassen, eine andere Müdigkeit, nicht ganz schwer, eher offen. Ich gehe langsam durch diesen Tag und nehme mit, was er anbietet: Kälte, die wach hält. Pflanzen, die nicht fragen. Ein Ende, das sich nicht groß macht. Vielleicht ist das genug. Vielleicht ist genau das der Anfang.
Es ist wieder kälter geworden und ich bin angeschlagen. Verschnupft und schwach. Dieser Winter lässt uns so schnell nicht aus den Fängen. Längst träume ich vom Frühling, von dem Licht, den Pflanzen, die sich recken und strecken.
Zuerst schöpfe ich noch ein wenig Kraft. Kuschle mich ein. Bedecke mich mit Wärme. Träume. Lasse die Welt konsequent draußen aus mein Gemüt. Ziehe mich zurück. Solange bis ich ihr und ihrem Leid wieder gewachsen bin.
„Was man spürt, wenn man ein Gedicht liest, sind die Bewegungen des Gemüts.“
Das ist ein Zitat von Inger Christensen mit dem sie ihren Essay „Der Geheimniszustand“ beginnt. Ganz, ganz langsam arbeite ich mich durch einen schmalen Essay-Band von ihr. So eine kluge Frau. Auf sie gekommen bin ich durch die Tagebücher von Sarah Kirsch, darin wird sie erwähnt und ich wollte unbedingt etwas von ihr lesen.
Sieht so aus, als ich ich etwas zum Lesen und zum Denken gefunden.