Heute Morgen vorsichtig rausgetastet und festgestellt, dass die Wege begehbar sind. Heute Nachmittag beschlossen aus Vorsicht drinnen zu bleiben. Es wurde kälter und kälter und kälter und so geht das wahrscheinlich bis morgen früh, wenn ich vorsichtig meine Nase zur Tür rausstrecke und entscheide, ob der Weg ins Training begehbar ist. Danach scheint der Abwärtstrend vorbei zu sein. Also morgen überstehen, dann geht es tagsüber wieder mit Plusgraden weiter.
Die Kälte hält die Welt fest.
Die Wege glänzen hart, der Atem wird sichtbar. Doch unter dem Frostliegt etwas Ungeduldiges, ein leises Wissen.
Ich habe das Format der Journaleinträge endlich so angepasst, dass es sortierten Sinn ergibt. Jahrelange hat es mich gestört, aber die Formatierung nach so langer Zeit zu ändern erschien mir absurd. Jetzt bin ich in ein Lebensalter eingetreten, in dem mir wichtiger ist, das es jetzt für mich stimmt. Ist doch sowieso nur für mich wichtig. Also kann ich es auch ändern. Es ist erstaunlich, wie lange ich für so eine selbstverständliche Einsicht brauche. Und genauso erstaunlich ist es, wie stabil und sicher sich diese neue Einsicht anfühlt.
Wir hatten heute Glück bei der Wetterlage. Hier war fast glatteisfreie Zone. Der Winter meint es in diesem Jahr so richtig ernst. Damit wir ihn nicht vergessen.
Mein Körper pocht. Von innen. Es ist ein sonderbares Gefühl. Nicht einmal spürte ich Muskelkater seit ich ins Fitnessstudio gehe. Nur dieses innere Pochen. Mein Körper sortiert sich neu. Orientiert sich neu.
Ich verliere kein Gewicht. Gewichtsreduktion war nie mitgedacht bei der Entscheidung für den Sport. Ich habe mehr Hunger als früher und esse ungeniert. Ich bin durstig und renne immer wieder zum Wasserhahn. Mein Körper pocht.
So langsam werde ich neugierig, wie es weitergeht. Was wird sich noch verändern? Was werde ich noch dazu lernen?
Heute ist es schwer und leicht zu gleich. Anstrengend und verlockend. Ich habe einen Schatz entdeckt und weiß noch nicht, ob ich ihn heben kann.
Am Futterplatz auf meinem Balkon ist die Welt überschaubar. Da sind die Meisen, flink und ungeduldig, ein Blau, ein Gelb gegen den bleichen Morgen. Sie kommen zu zweit, zu dritt, manchmal noch mehr. Sie spielen, wechseln Plätze, tanzen. Das Rotkehlchen bleibt länger. Wiegend, wachsam, sucht die Reste und die Krümel mit einer stillen Ernsthaftigkeit. Und dann schaut unerwartet der Buntspecht vorbei. Ein schwererer Gast. Er landet vorsichtig, bearbeitet die Futterringe mit beachtlicher Kraft.
Ich sitze reglos hinter dem Fenster und halte den Atem an. Meistens fehlt mir die Brille und an Fotografieren ist gar nicht zu denken. Bloß nicht stören, denke ich bei mir. Nicht bewegen. Einfach den Augenblick genießen. Für einen Moment mit der Welt Frieden schließen.
Der Januar kommt leise, mit kalten Händen und klarer Luft. Die Tage sind noch kurz, doch sie halten etwas bereit, das man nur spürt, wenn man langsamer geht: ein besonderes Licht. Kein Versprechen, eher ein Angebot. Der Winter sagt nicht: Jetzt. Er sagt: Noch ein wenig.
Unter der gefrorenen Erde geschieht Arbeit. Unauffällig, geduldig, ohne Applaus. Samen erinnern sich an Wärme, Wurzeln an Richtung. Auch in uns liegt ein solcher Vorrat verborgen: Gedanken, die noch keinen Namen haben. Hoffnungen, die sich nicht drängen.
Der Januar erlaubt es, nicht fertig zu sein. Er erlaubt das Zögern, das Sammeln, das Ruhen zwischen zwei Atemzügen. Und vielleicht ist Hoffnung genau das: nicht das große Leuchten, sondern das stille Wissen, dass etwas wächst, auch wenn wir es noch nicht sehen.
Es wächst genug für alle, die warten können.
Bald nimmt das Licht zu, kaum messbar und doch zuverlässig. Tag für Tag ein paar Minuten mehr. So arbeitet auch Zuversicht. Nicht mit Eile, sondern mit Beständigkeit. Vielleicht genügt es im Januar, die Hände offen zu halten.
Dem Winter zu vertrauen. Und dem, was in uns leise sagt: Ich bin noch da. Ich wachse. Ich habe Zeit.
Heute zur Erinnerung noch mal die fliegende Nähmaschine.
Martha Jiménez verbindet in diesem Werk die alltägliche Tätigkeit des Nähens mit einer surrealen, fast magischen Dynamik. Die Frau, selbstbewusst und sinnlich dargestellt, sitzt auf der Nähmaschine, die zum ungewöhnlichen Fahrzeug wird. Die wehenden Haare und das farbenfrohe Kleid unterstreichen die Lebendigkeit, während die Maschine – mit ihren geschwungenen Linien und klaren Farben – an die Bedeutung von Handwerkskunst erinnert. Doch das Bild birgt auch eine tiefere Ebene: Nähen ist nicht nur ein kreativer Akt, sondern auch Teil der sogenannten Care-Arbeiten, die oft von Frauen geleistet werden. Diese Tätigkeiten, wie das Reparieren von Kleidung oder das Nähen für die Familie, bleiben häufig unsichtbar und werden als selbstverständlich angesehen, obwohl sie grundlegende Stützen des Alltags sind.
Schmerz ist ein Ort, durch den man hindurchgehen kann, aber man darf ihn nicht bewohnen.
Klug gesprochen. Aber der Schmerz bestimmt meist doch selbst, wie sehr er dich zur Bewohnerin macht. Schmerz und Leid wiegen schwer in dieser Welt. Menschen sind ohne sie nicht denkbar. Sie gehören zum Leben. Aber das Wissen darum, macht es nicht leichter damit umzugehen. Vielleicht geht es darum, für sie einen Platz zu finden, ohne ihnen das ganze Haus zu überlassen.
Vielleicht bedeutet Würde nichts anderes als dem Schmerz nicht auszuweichen und ihn nicht sprechen zu lassen für alles.
Man hält inne. Man atmet. Man lebt weiter, vorsichtig, aber aufrecht.
Vielleicht ist das Einzige, was wir dem Schmerz schulden, Aufmerksamkeit.
Kein Urteil. Keine Eile. Kein Versprechen auf Heilung.
Es genügt, ihn nicht zu übergehen. Ihm zuzuhören, ohne ihm zu folgen. Ihn mitzunehmen, ohne ihn an die Spitze zu stellen. Und irgendwann, oft unbemerkt, öffnet sich ein schmaler Spalt.
Nicht für Glück. Aber für Weite. Für einen Atemzug, der nicht schmerzt. Für einen Moment, in dem das Leben wieder leise anklopft.
Es ist weiß draußen. Weiß und kalt. Winterlich. Passend zur Jahreszeit. Ich habe vorsorglich meine Abschlagszahlung für die Heizung erhöht und ab und zu sehe ich nach den sinkenden Füllständen der Gasspeicher.
Ansonsten versuche ich noch immer, die Nachrichtenlage genauso draußen zu lassen, wie die Kälte. Im letzten Jahr habe ich etwas über mein Nervensystem gelernt, was ich zwar immer wieder gespürt habe, aber nicht erklären oder benennen konnte. Eine Überanpassung meines Nervensystems an die Gefühle von anderen Menschen. Das ist anstrengend und funktioniert sogar bei fiktionalen Charaktären. Deshalb schaue ich nur ungern Filme an, die für mehr als 12 Jahre freigegeben sind. Mein Nervensystem leidet mit und zieht keine Grenze zwischen dem, was anderen passiert oder mir. Natürlich ist das jetzt stark vereinfacht. Das Nervensystem ist eine sehr komplizierte Angelegenheit, es entwickelt Eigenheiten um zu überleben. Diese Eigenschaft meines Nervensystems ist eine Traumareaktion. Früher dachte ich immer, ich sei so geboren. Das sei das, was mich ausmacht. Die Meisterin der Empathie.
Tja. So einfach ist es dann wohl doch nicht. Mit den Informationen zu den Eigenheiten meines Nervensystems kann ich praktisch nur sehr wenig anfangen. Ich kann mir kein neues, weniger empfindlicheres zulegen. Aber ich kann besser Stopp sagen. Stopp. Ich schaffe das jetzt gerade nicht. Ich kann mich nicht durchgehend mit der Schlechtigkeit der Welt beschäftigen. Es ist gut, dass es Menschen gibt, die das besser können. Aber es ist auch gut, dass ich mitfühlen und mitleiden kann. Aber Stopp sagen zu können, ist eine entscheidende Verbesserung meiner Situation. Dadurch kann ich meine Kräfte und meine Gefühle besser konzentrieren.
Das Alte ist abgeschlossen, das Neue noch ohne feste Form.
Damit lässt sich nicht nur der Jahreswechsel umschreiben, sondern auch meinen Wechsel von der Zeit des Fremdbestimmten Arbeitens zum Ruhestand. Der große Unterschied zwischen diesen beiden Lebensabschnitten ist die Flexibilität. Mein Leben atmet jetzt mehr, nimmt andere Sachen auf als früher. Setzt andere Prioritäten. Da bleibt viel Freiheit bei Form, Struktur und Inhalt. Da darf ich trödeln. Da kann ich Neues entdecken. Da darf ich mir Sachen ausdenken. Da darf ich Pläne verwerfen.
Jetzt nach einem Jahr Ruhestand, beginnen Körper und Seele damit zu vertrauen. Der neuen Zeit, die leichter und lockerer vergeht. Ein Geschenk. Ich nehme es an.
Einmal so voller Zuvertrauen sein, wie Hilde Domin in diesem Gedicht. Es sind die guten Tage. Es ist die Lebenszeit der Dankbarkeit. Ich setze ein Fuß in dieses Jahr und es wird mich irgendwo hin bringen. Meine Lebensreise fortsetzen. Meine Träume werden mich tragen. Meine Wünsche werden mich ziehen.
(Zitat von Rosa Luxemburg – Ich fühle mich in der ganzen Welt zuhause, wo es Wolken und Vögel und Menschentränen gibt.)