Eins der Dinge, die ich an der Sammelmappe so liebe, ist der Blick auf mein Vergangenheits-Ich. Je länger sie existiert, je ruhiger sie hier im Fahrwasser der vergehenenden Lebenszeit liegt, desto lieber stöbere ich in alten Beiträgen.
Wenn ich die Sammelmappe heute noch weiterschreibe, dann ist auch dieser Effekt einer der Gründe. Das, was ich heute schreibe, erscheint mir manchmal leise und unspektakulär, kaum der Rede wert es festzuhalten. Aber wenn ich zwei- oder dreimal hier im Jahr nach etwas suche und mich durch die Sammelmappe lese, finde ich viele Perlen. Einige, die mir besonders gefallen, einige, die mich intensiv erinnern, einige, die etwas in mir bewegen. Ich stöbere dann hier im Blog wie in einem alten Fotoalbum und weil dieses Blog vor allem von mir und meiner Sicht auf die Welt und in der Welt handelt, stehe ich meinem Vergangenheits-Ich besonders intensiv gegenüber. Ich erkenne mich wieder und erkenne mich anders. Oft bin ich überrascht, wie präzise ich eine Situation zusammengefasst habe. Wie notwendig es mir wahr, eine Stimmung festzuhalten. Manchmal habe ich Mitleid mit mir, wie stark ich eingespannt war im Arbeitsleben. Ein anderes Mal berührt mich die Poesie der vergangenen Tage. Meine Lyrik spricht mich an, wie ein Code. Sobald ich sie lese, fühle ich die Vergangenheit.
Heute schreibe ich es hier auf, damit mir das nicht aus den Augen und aus dem Sinn gerät, wenn es hier zu leise wird. Nicht für heute schreibe ich. Für die Begegnung.
Mensch sprechen heute weniger miteinander als früher. Den Artikel, der die Forschung dazu ausführlich erläutert, finde ich nicht mehr. Genauer gesagt, ich hab ihn nicht mal mehr gesucht. Er ist im Rauschen meines Infornations-Overload untergegangen. So sehr ich es mag, dass die heutige Zeit es mir ermöglicht an so viel interessante Informationen und Wissen zu kommen, so sehr bereitet es mir Verwirrtheit darüber, dass ich es nicht schaffte, etwas mehr Ordnung und Struktur in meinen Medienkonsum zu bekommen. Früher gab es Bookmarks und Favorieten und verschiedene Tools. Aber alle verschwanden wieder und die mit ihnen, die angelegte Struktur.
Jetzt lebe ich im wilden Rauschen der Informationen. Sortiere nur noch innerlich. Lebe quasi von der Hand zum Hirn und nie wieder zurück.
Tagesaufgabe: Unterm Baum am Bahnhofscafè träumen.
Das Idyll trügt malerisch. Das Bahnhofscafè liegt an einer vielbefahren Straße, rund um mich herum schallt der Lärm der Stadt. Die Terasse ist vollbesetzt hinter meinem Rücken führt eine Straße entlang mit weiteren Cafés.
Aber ich sitze hier wohlbeschützt von einem blühenden Baum in meinem eigenen Traum. Er scheint direkt aus dem Paradies gefallen.
Wir kommen Abends an und malen uns die kommenden Tage aus. Ein kleines Leben, ein kleines Glück. Oft erprobt. Die Tage verlaufen gleichmäßig und unspektakulär. Jeder Weg wird zur Runde. Jede Mahlzeit zur Begegnung. Jede Nacht zum Traum.
Aus irgendwelchen merkwürdigen Verkettungen heraus trinke ich jetzt Coca Cherry. Sie wird mir sofort gebracht und ich wage es nicht, den Bann der Glückseligkeit zu durchbrechen. Die Magie der guten Wünsche. So ein kleines, glückliches Leben ist zerbrechlich. Für ein paar Tage gönne ich es mir.
Die Prachtreppe am Bahnhoff St. Charles in schönster Sommerdeko. Sie könnte genauso gut direkt in den Himmel führen, so wie sie angelegt ist. Einschüchternd. Erschlagend. Optimistisch. Verträumt.
Wie schön kann eine Treppe sein! Wie nah kann der Himmel sein! Wieviel Sommer passt in ein Bild? Wieviel in ein Leben?
Die Sammelmappe altert vor sich hin. Schon lange habe ich keine Lust mehr, mich um ihre Erscheinungsform zu kümmern. Irgendwann wird das Theme nicht mehr passen und nach und nach bröckeln die Funktionalitäten. Das Einzige zu dem ich mich ab und zu aufraffen kann ist die Datensicherung. Das Backup. Trotzdem ist der Gedanke, dass ich sie irgendwann einfach aufgeben sollte, beängstigend. Ich bin noch nicht so weit. Ich möchte zurückkehren können an diesen virtuellen Ort. Möchte in den alten Zeiten blättern, mich erinnern und nach vorne schauen. Die alte Verbundenheit ist verschwunden, jetzt ist sie wie das kleine Schatzkästchen aus Kindheitstagen. Irgendwie sieht sie traurig und schäbig aus. Alt und grau. So wie ich. Aber in meiner Erinnerung glitzert sie noch. Sie glänzt, sie scheint, sie strahlt. Sie hat mich durch so viele Zeiten begleitet und ich bin dankbar dafür. Sie hat mir Wege eröffnet. Neue Perspektiven gezeigt. Noch hänge ich an ihr und vielleicht finde ich in den Wintertagen Zeit, sie wieder etwas aufzupimpen. Oder ihr wenigstens etwas Stabilität zu gönnen.
Ich nehme das Verschnupftsein zum Anlass, eine Sportpause einzulegen und den Tag zu Vertrödeln. Seit ich in Rente bin ist mein Tag strickt strukturiert. Das fällt mir erst nach und nach auf. Früher war Trödeln als Gegenmaßnahme zum Arbeitskorsett erlaubt und gewünscht. Beim Eintritt in die Rente hallten so viele Warnungen über das große Loch, in das eine durch den Ruhestand fallen kann, durch mein Gemüt, das als Gegenwehr über diese virtuelle Gefahr immer laut „Struktur, Struktur“ rief.
Da mein Renteneintritt mit der massiven Trauer über den Tod meiner Mutter und einer mittelschweren Depression zusammenfiel, war das sicher nicht die unvernünftigste Reaktion, aber was ist ein Leben ohne vertrödelte Zeit?
Abschied vom Sommer. Ein bisschen Trauer über die vergangenen hitzigen Tage und noch so gar keine Sehnsucht nach Herbst. Die Zeit vergeht und mit ihr mein zweites Rentenjahr. Ich geniese die angenehmen Temperaturen und plane die weiteren Wochen und Monate. Jede dieser Planungen ist ein Geschenk des Schicksals. So viele Möglichkeiten. So viele Beziehungen. So viel Wertschätzung. Alles wird kostbar in dem Wissen, dass die Zeit knapp ist.
Ich bin in einer für mich typischen Stimmungen. Romantisiere die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft mit Wonne. Zelebriere eine innere Dankbarkeit. Für mein Leben. Für die Freude, die ich spüre. Für die Menschen, die mir nahe stehen. Nichts ist selbstverständlich. Alles ist intensiv. Nahe. Lebenswert. Liebenswert.
Das Zitat von Antje Schrupp hab ich mir aufgeschrieben. Mehrmals. An unterschiedlichen Stellen in verschiedene Hefte. Damit mir der Gedanke nicht verloren geht. Weil es so wichtig ist.