Mein Körper pocht. Von innen. Es ist ein sonderbares Gefühl. Nicht einmal spürte ich Muskelkater seit ich ins Fitnessstudio gehe. Nur dieses innere Pochen. Mein Körper sortiert sich neu. Orientiert sich neu.
Ich verliere kein Gewicht. Gewichtsreduktion war nie mitgedacht bei der Entscheidung für den Sport. Ich habe mehr Hunger als früher und esse ungeniert. Ich bin durstig und renne immer wieder zum Wasserhahn. Mein Körper pocht.
So langsam werde ich neugierig, wie es weitergeht. Was wird sich noch verändern? Was werde ich noch dazu lernen?
Heute ist es schwer und leicht zu gleich. Anstrengend und verlockend. Ich habe einen Schatz entdeckt und weiß noch nicht, ob ich ihn heben kann.
Am Futterplatz auf meinem Balkon ist die Welt überschaubar. Da sind die Meisen, flink und ungeduldig, ein Blau, ein Gelb gegen den bleichen Morgen. Sie kommen zu zweit, zu dritt, manchmal noch mehr. Sie spielen, wechseln Plätze, tanzen. Das Rotkehlchen bleibt länger. Wiegend, wachsam, sucht die Reste und die Krümel mit einer stillen Ernsthaftigkeit. Und dann schaut unerwartet der Buntspecht vorbei. Ein schwererer Gast. Er landet vorsichtig, bearbeitet die Futterringe mit beachtlicher Kraft.
Ich sitze reglos hinter dem Fenster und halte den Atem an. Meistens fehlt mir die Brille und an Fotografieren ist gar nicht zu denken. Bloß nicht stören, denke ich bei mir. Nicht bewegen. Einfach den Augenblick genießen. Für einen Moment mit der Welt Frieden schließen.
Der Januar kommt leise, mit kalten Händen und klarer Luft. Die Tage sind noch kurz, doch sie halten etwas bereit, das man nur spürt, wenn man langsamer geht: ein besonderes Licht. Kein Versprechen, eher ein Angebot. Der Winter sagt nicht: Jetzt. Er sagt: Noch ein wenig.
Unter der gefrorenen Erde geschieht Arbeit. Unauffällig, geduldig, ohne Applaus. Samen erinnern sich an Wärme, Wurzeln an Richtung. Auch in uns liegt ein solcher Vorrat verborgen: Gedanken, die noch keinen Namen haben. Hoffnungen, die sich nicht drängen.
Der Januar erlaubt es, nicht fertig zu sein. Er erlaubt das Zögern, das Sammeln, das Ruhen zwischen zwei Atemzügen. Und vielleicht ist Hoffnung genau das: nicht das große Leuchten, sondern das stille Wissen, dass etwas wächst, auch wenn wir es noch nicht sehen.
Es wächst genug für alle, die warten können.
Bald nimmt das Licht zu, kaum messbar und doch zuverlässig. Tag für Tag ein paar Minuten mehr. So arbeitet auch Zuversicht. Nicht mit Eile, sondern mit Beständigkeit. Vielleicht genügt es im Januar, die Hände offen zu halten.
Dem Winter zu vertrauen. Und dem, was in uns leise sagt: Ich bin noch da. Ich wachse. Ich habe Zeit.
Heute zur Erinnerung noch mal die fliegende Nähmaschine.
Martha Jiménez verbindet in diesem Werk die alltägliche Tätigkeit des Nähens mit einer surrealen, fast magischen Dynamik. Die Frau, selbstbewusst und sinnlich dargestellt, sitzt auf der Nähmaschine, die zum ungewöhnlichen Fahrzeug wird. Die wehenden Haare und das farbenfrohe Kleid unterstreichen die Lebendigkeit, während die Maschine – mit ihren geschwungenen Linien und klaren Farben – an die Bedeutung von Handwerkskunst erinnert. Doch das Bild birgt auch eine tiefere Ebene: Nähen ist nicht nur ein kreativer Akt, sondern auch Teil der sogenannten Care-Arbeiten, die oft von Frauen geleistet werden. Diese Tätigkeiten, wie das Reparieren von Kleidung oder das Nähen für die Familie, bleiben häufig unsichtbar und werden als selbstverständlich angesehen, obwohl sie grundlegende Stützen des Alltags sind.
Schmerz ist ein Ort, durch den man hindurchgehen kann, aber man darf ihn nicht bewohnen.
Klug gesprochen. Aber der Schmerz bestimmt meist doch selbst, wie sehr er dich zur Bewohnerin macht. Schmerz und Leid wiegen schwer in dieser Welt. Menschen sind ohne sie nicht denkbar. Sie gehören zum Leben. Aber das Wissen darum, macht es nicht leichter damit umzugehen. Vielleicht geht es darum, für sie einen Platz zu finden, ohne ihnen das ganze Haus zu überlassen.
Vielleicht bedeutet Würde nichts anderes als dem Schmerz nicht auszuweichen und ihn nicht sprechen zu lassen für alles.
Man hält inne. Man atmet. Man lebt weiter, vorsichtig, aber aufrecht.
Vielleicht ist das Einzige, was wir dem Schmerz schulden, Aufmerksamkeit.
Kein Urteil. Keine Eile. Kein Versprechen auf Heilung.
Es genügt, ihn nicht zu übergehen. Ihm zuzuhören, ohne ihm zu folgen. Ihn mitzunehmen, ohne ihn an die Spitze zu stellen. Und irgendwann, oft unbemerkt, öffnet sich ein schmaler Spalt.
Nicht für Glück. Aber für Weite. Für einen Atemzug, der nicht schmerzt. Für einen Moment, in dem das Leben wieder leise anklopft.
Es ist weiß draußen. Weiß und kalt. Winterlich. Passend zur Jahreszeit. Ich habe vorsorglich meine Abschlagszahlung für die Heizung erhöht und ab und zu sehe ich nach den sinkenden Füllständen der Gasspeicher.
Ansonsten versuche ich noch immer, die Nachrichtenlage genauso draußen zu lassen, wie die Kälte. Im letzten Jahr habe ich etwas über mein Nervensystem gelernt, was ich zwar immer wieder gespürt habe, aber nicht erklären oder benennen konnte. Eine Überanpassung meines Nervensystems an die Gefühle von anderen Menschen. Das ist anstrengend und funktioniert sogar bei fiktionalen Charaktären. Deshalb schaue ich nur ungern Filme an, die für mehr als 12 Jahre freigegeben sind. Mein Nervensystem leidet mit und zieht keine Grenze zwischen dem, was anderen passiert oder mir. Natürlich ist das jetzt stark vereinfacht. Das Nervensystem ist eine sehr komplizierte Angelegenheit, es entwickelt Eigenheiten um zu überleben. Diese Eigenschaft meines Nervensystems ist eine Traumareaktion. Früher dachte ich immer, ich sei so geboren. Das sei das, was mich ausmacht. Die Meisterin der Empathie.
Tja. So einfach ist es dann wohl doch nicht. Mit den Informationen zu den Eigenheiten meines Nervensystems kann ich praktisch nur sehr wenig anfangen. Ich kann mir kein neues, weniger empfindlicheres zulegen. Aber ich kann besser Stopp sagen. Stopp. Ich schaffe das jetzt gerade nicht. Ich kann mich nicht durchgehend mit der Schlechtigkeit der Welt beschäftigen. Es ist gut, dass es Menschen gibt, die das besser können. Aber es ist auch gut, dass ich mitfühlen und mitleiden kann. Aber Stopp sagen zu können, ist eine entscheidende Verbesserung meiner Situation. Dadurch kann ich meine Kräfte und meine Gefühle besser konzentrieren.
Das Alte ist abgeschlossen, das Neue noch ohne feste Form.
Damit lässt sich nicht nur der Jahreswechsel umschreiben, sondern auch meinen Wechsel von der Zeit des Fremdbestimmten Arbeitens zum Ruhestand. Der große Unterschied zwischen diesen beiden Lebensabschnitten ist die Flexibilität. Mein Leben atmet jetzt mehr, nimmt andere Sachen auf als früher. Setzt andere Prioritäten. Da bleibt viel Freiheit bei Form, Struktur und Inhalt. Da darf ich trödeln. Da kann ich Neues entdecken. Da darf ich mir Sachen ausdenken. Da darf ich Pläne verwerfen.
Jetzt nach einem Jahr Ruhestand, beginnen Körper und Seele damit zu vertrauen. Der neuen Zeit, die leichter und lockerer vergeht. Ein Geschenk. Ich nehme es an.
Einmal so voller Zuvertrauen sein, wie Hilde Domin in diesem Gedicht. Es sind die guten Tage. Es ist die Lebenszeit der Dankbarkeit. Ich setze ein Fuß in dieses Jahr und es wird mich irgendwo hin bringen. Meine Lebensreise fortsetzen. Meine Träume werden mich tragen. Meine Wünsche werden mich ziehen.
(Zitat von Rosa Luxemburg – Ich fühle mich in der ganzen Welt zuhause, wo es Wolken und Vögel und Menschentränen gibt.)
Mein erstes Rentenjahr neigt sich dem Ende zu. Zuerst hat es sich völlig anders entwickelt, als ich es mir hätte vorstellen können, und es hat mir eine ganze Menge abverlangt. An manchen Tagen war ich in einem echten Ausnahmezustand und musste mir besonders in der ersten Hälfte des Jahres buchstäblich jeden eigenständigen Schritt erkämpfen.
Der Höhepunkt war wohl der Moment, als ich mich in einem zutiefst instabilen Zustand auf die Reise nach Belfast und später nach Nordirland begab. No risk, no fun. Panikattacken kann man überall auf der Welt haben; dazu muss man nicht zuhause bleiben. Rückblickend war es die beste Lösung. Denn Wunderheilungen sind selten, aber ich habe gelernt, dass man Heilung erarbeiten muss. Schritt für Schritt bin ich weitergegangen, auch wenn mich die Rückwärtswelle dreimal erfasst hat. Jedes Mal habe ich sofort wieder von vorn angefangen. Ganz von vorn.
Jetzt liegen ruhige Wochen hinter mir. Die sportliche Herausforderung im Fitnessstudio gestaltet sich abwechslungsreich und lehrreich. Ich entdecke nicht nur etwas über meinen Körper, sondern tauche auch in einen kleinen sozialen Mikrokosmos ein. Manchmal male ich Blumen, oft lese ich, spiele „June’s Journey“ oder sehe mir Bilder an. Ich schaue aus dem Fenster, gehe spazieren und freue mich jedes Mal, wenn ich Freundinnen treffen oder mit ihnen sprechen kann.
Mein Verhältnis zum Geld hat sich entspannt. Ich muss es nicht mehr verkrampft festhalten; stattdessen erkenne ich, dass das Leben endlich ist und von Jahr zu Jahr kostbarer wird. Monat für Monat spüre ich diese Veränderung. Auch die Erinnerungen gewinnen an Bedeutung – die alten wie auch die neuen; sie sind wie bunte Blumen in einem Garten, der ständig blüht und gedeiht.
„Die Seele sollte sich wie ein Schmetterling entfalten, der in bunten Farben aus der Dunkelheit fliegt.“ Diese Erkenntnis halte ich fest und erfreue mich an den kleinen Wunderlichkeiten des Alltags. In jeder Begegnung, in jedem gescheiterten Versuch und in jedem Erfolg suche ich Trost und Lebensfreude. So gehe ich in das neue Jahr, bereit für neue Herausforderungen und bleibende Erinnerungen.
Pünktlich zum Heiligabend einen Darminfekt eingefangen. Jetzt vertraue ich darauf, dass er genauso schnell weiterzieht, wie er aufgetaucht ist.
Die Lage ist unangenehm, aber nicht hoffnungslos. Das Anstrengende im Moment ist die Akzeptanz der veränderten Realität. Flexibilität ist nicht meine Stärke, ich gehöre eindeutig zum Team „Planen und durchziehen“, deshalb dauert es immer etwas, bis ich verstehe, wenn ein Plan gnadenlos scheitert. Aber dieses Mal greift die Realität drastisch durch. Ich lege mich ins Bett und schone mich. C’est la vie.
Draußen stürmt es. Ein grauer Sturm. Im Hausflur knackt und knistert es. Unvertraut. Aber passend zu den Geräuschen meiner Innereien.