Der Himmel trägt winterblau. Die Luft ist klar und frostig. Januartage wie aus dem Bilderbuch. Im Morgengrauen laufe ich los zum Training. Rund um die Uhr finden sich im Sportcenter Menschen ein, um sich auf die seltsamsten Arten und Weisen zu bewegen. Wenn ich auf dem Crosstrainer stehe und mich im Studio umsehe, kommt mir der Gedanke: Was wäre, wenn eine spätere Generation in 1000 Jahren die Überreste von Fitnessstudios ausgraben würde? Ob sie die Geräte wohl für Kultgegenstände halten würden? So viele, an so vielen Orten in der Stadt. Was sie sich da wohl für Gedanken machen würden?
Wir machen uns ja immer Gedanken, über das was war und das was kommt. Allerdings sind wir erstaunlich unflexibel darin, immer gehen wir von dem aus, was wir kennen und mögen und bleiben da gerne.
Der Tag steht niedrig und kalt über den Gärten. Ich sehe ihn mehr, als dass ich ihn betrete. Zwischen dem noch harten Boden die ersten Schneeglöckchen – als hätten sie sich verabredet, heute aufzutauchen, unauffällig, aber entschlossen. Daneben die Triebe der Krokusse, grüne Fragezeichen im Frost. Sie drängen nicht. Sie wissen offenbar, dass Zeit auf ihrer Seite ist. Ich selbst bin verschnupft. Der Atem kratzt, der Kopf ist wattig, alles klingt gedämpft, als läge ein Tuch über der Welt. Vielleicht macht gerade das die Zeichen deutlicher. Die Sonne kommt nur in kurzen Sätzen. Ein Aufhellen, ein Blinken auf den kahlen Zweigen, dann zieht sie sich wieder zurück, als müsse sie prüfen, ob man ihr traut. Heute einen medizinischen Abschluss gefunden. Kein Paukenschlag. Eher ein leises Abstellen ein Satz, der nicht mehr wiederholt werden muss. Der Körper merkt es früher als der Kopf: ein kleines Nachlassen, eine andere Müdigkeit, nicht ganz schwer, eher offen. Ich gehe langsam durch diesen Tag und nehme mit, was er anbietet: Kälte, die wach hält. Pflanzen, die nicht fragen. Ein Ende, das sich nicht groß macht. Vielleicht ist das genug. Vielleicht ist genau das der Anfang.
Es ist wieder kälter geworden und ich bin angeschlagen. Verschnupft und schwach. Dieser Winter lässt uns so schnell nicht aus den Fängen. Längst träume ich vom Frühling, von dem Licht, den Pflanzen, die sich recken und strecken.
Zuerst schöpfe ich noch ein wenig Kraft. Kuschle mich ein. Bedecke mich mit Wärme. Träume. Lasse die Welt konsequent draußen aus mein Gemüt. Ziehe mich zurück. Solange bis ich ihr und ihrem Leid wieder gewachsen bin.
„Was man spürt, wenn man ein Gedicht liest, sind die Bewegungen des Gemüts.“
Das ist ein Zitat von Inger Christensen mit dem sie ihren Essay „Der Geheimniszustand“ beginnt. Ganz, ganz langsam arbeite ich mich durch einen schmalen Essay-Band von ihr. So eine kluge Frau. Auf sie gekommen bin ich durch die Tagebücher von Sarah Kirsch, darin wird sie erwähnt und ich wollte unbedingt etwas von ihr lesen.
Sieht so aus, als ich ich etwas zum Lesen und zum Denken gefunden.
Seltsam trockene Witze finden sich hier in der Sammelmappe. Beim Nachlesen kann ich sogar selbst darüber lachen. Aber das waren doch noch Vor-Corona-Zeiten. Die ganz heftigen Aufräumhypes fanden doch während der ersten Welle statt? Oder täuscht mich da meine Erinnerung?
Heute morgen bin ich im Regen endlich mal wieder durch den Bethmannpark gelaufen. Die Wege durchnässt und fast sumpfig, der chinesische Garten glatt. Den Schneezauber, der vorher bestimmt über dem Park lag, habe ich verpasst. Denn da war es mir nicht möglich zu Fuß hinzugelangen. Die beste Party ist ja immer die, auf der eine gerade nicht ist. So ist das im Leben. Nicht alles läuft so wie im Film und manchmal kann eine dafür auch dankbar sein. Ich mag den Park auch versumpft und nass.
Seit Neujahr poste ich wieder täglich in der Sammelmappe. Ich weiß nicht warum, jedenfalls ist es kein Neujahrsvorsatz. Es hat sich einfach so ergeben. Vielleicht ist das ein gutes Zeichen: Dass es wieder Dinge in meinem Leben gibt, die sich einfach so ergeben.
Das Glatteis wirft die Struktur des Tages über den Haufen. Sicherheit geht vor, ich knurre tief in mich hinein und lasse die Vernunft siegen. Ungern. Der Preis ist eine tiefe innere Unruhe. Ein Rumoren. Ablenkung erfolgt durch die Planung einer weiten, langen Reise.
„Ich gehe fort, um mich zu finden, und finde unterwegs die Welt.“
Prächtiger Wintertag. Knackig kalt. Bilderbuch-Januartag fürs Gemüt. Training am Morgen. Der Körper pocht weiter. Gibt Lebensrhythmus vor. Wege entstehen durch Gehen. Pläne werden neu geschmiedet. Frisch aus der Lebensschmiede. Die Glatteiswarnung für Morgen kommt per Krisenapp. Die Amsel verweilt an der Futterstelle, die Elster beobachtet das Treiben auf dem Balkon aus der Ferne. In den Vorgärten kämpfen sich die ersten grünen Triebe durch die Erde. So früh schon? Jedes Jahr die gleiche Frage.